Bonner Querschnitte 04d/2007 Ausgabe 33d

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„Ich habe geweint“

Interview mit Thomas Schirrmacher anlässlich der Ermoderung von drei Christen in Malatya (Türkei)

Beim Abdruck darf „BQ“ beim Interviewer durch den Namen der jeweiligen Zeitschrift oder ei-ne Person ersetzt werden. Für zusätzliche Fragen oder Abänderungen der vorhandenen Fragen steht Thomas Schirrmacher telefonisch zur Verfügung (0228 / 9650382).

 

(Bonn, 27.04.2007)

BQ: Zunächst möchte ich Ihnen mein Beileid zum Mord an einem ihrer Studenten aussprechen.

Herzlichen Dank, die einheimischen Protestanten wissen diese internationale Solidarität zu schätzen.

 

BQ: Sie sind als Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit eher wissenschaftlich mit Religionsmorden beschäftigt, als Rektor des Martin Bucer Seminars aber plötzlich direkt mit solchen Morden konfrontiert. War das eine neue Erfahrung für Sie?

Bei uns gehen täglich Berichte von Religionsmorden ein, Morde an Christen, weil sie Christen sind, ebenso wie Morde an Anhängern anderer Religionen, die allerdings nicht ganz so häufig vorkommen. Das geht natürlich nicht spurlos an einem vorüber. Auch haben wir natürlich schon viele Zeugen und Hinterbliebene interviewt und das geht einem bei aller notwendigen Verpflichtung zur akademischen Seriosität auch oft sehr zu Herzen.

Aber Sie haben schon recht: die unmittelbare Erfahrung, dass es Freunde, Studenten, Mitarbeiter trifft, die man kennt, ist etwas völlig anderes. Aus einer akademischen Spezialisierung ist plötzlich die harte Realität des Lebens geworden. Unsere Mitarbeiter kennen die Opfer, kennen aber auch die Hinterbliebenen und wiederum deren Verwandte, kennen die Menschen persönlich, die jetzt um ihr Leben fürchten. Kurzum: Diesmal habe ich geweint.

 

BQ: Haben Sie mit einer solchen Entwicklung gerechnet?

Ja und nein. Einerseits musste es ja irgendwann einmal so kommen, nachdem die winzige protestantische beziehungsweise evangelikale Minderheit bis in die höchsten Regierungskreise hinein ununterbrochen haltlosen Verleumdungen und Verschwörungstheorien ausgesetzt war und ist. Dass die CIA 25.000 Missionare in der Türkei habe, um einen Umsturz vorzubereiten oder die Türken vom Türkensein wegzubringen, ist für viele Türken Alltagswissen. Bei aller Spannung zwischen Islamisten und Nationalisten im Land teilen sie doch  ihre Abneigung gegen türkische Christen. Und vor allem die Christen, die vorher offiziell Muslime waren – viele waren ja tatsächlich säkular oder atheistisch ausgerichtet –, bekommen wie in aller Welt so auch in der Türkei den Zorn von Behörden und Mitmenschen zu spüren.

Andererseits haben wir nur eine Woche vor den Morden im internationalen Vorstand des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit auch eine Lageeinschätzung in Bezug auf die Türkei vorgenommen. Wir haben schlimme Entwicklungen befürchtet, da etwa immer häufiger einheimische und ausländische Christen auf offener Straße zusammengeschlagen werden, aber wir waren uns zumindest sicher, dass ausländischen Christen keine Gefahr droht und haben eher mit Brandstiftung gegen christliche Einrichtungen gerechnet. Wir haben uns gründlich geirrt.

 

BQ: Werden sich die einheimischen Protestanten nun wieder stärker in den Untergrund begeben?

Die protestantischen Gemeindeleiter in der Türkei haben sich eindeutig entschieden, eher noch stärker in die Öffentlichkeit zu gehen, wie das ja bereits bei der Beerdigung von Necati Aydin deutlich wurde. Das kann man angesichts der Gefahr nur bewundern.

 

BQ: Und Ihre theologische Ausbildungsstätte?

Wir haben natürlich auch im Martin Bucer Seminar über diese Frage diskutiert. Von unserer Seite kam eher Besorgnis, aber unsere Studienzentren stehen ja jeweils unter einheimischer Leitung und sowohl der Studienleiter vor Ort, Ihsan Özbek, der ja zugleich Präsident der Vereinigung protestantischer Gemeinden in der Türkei ist und selbst mit Morddrohungen lebt, als auch der Präsident unseres nationalen Vorstandes, Behnan Konutgan, der oft genug zur Polizei vorgeladen wird, haben das klare Signal gegeben, dass jetzt eine gediegene theologische Ausbildung für die einheimischen Pastoren nötiger ist denn je und man das nicht verstecken wolle. Darin werden wir sie uneingeschränkt weiter unterstützen.

 

BQ: Sind nicht insbesondere die Evangelikalen in der Türkei zu aggressiv?

Zum einen sagen sie das mal den türkischen Christen selbst! Das sind ja keine kleinen Kinder, denen wir aus Deutschland vorschreiben können, was sie tun dürfen und was nicht. Es sind erwachsene Menschen, die ihr Recht auf Meinungsfreiheit im Rahmen der in der Türkei geltenden Gesetze in Anspruch nehmen. Zum Glück gibt es ja im Christentum keinen Missionskolonialismus mehr. Einheimische Gemeinden müssen selbst entscheiden, wie weit sie im einzelnen gehen können und wollen, wenn sie auf brutale Feindschaft stoßen.

Zum anderen: Lernen Sie doch einfach einmal die Christen vor Ort kennen! „Aggressiv“, was immer damit eigentlich gemeint ist, ist da sicher keiner. Es sind ja alles Türken, die wissen, wie man sich in ihrem Land benimmt, die ihr Leben nicht unnötig gefährden wollen und die für die Liebe Jesu werben wollen. Nur: Wenn in der Türkei ein Muslim eine Bibel in einem Laden kauft und sich dafür dann ja wohl aus freien Stücken entschieden haben muss, wird in der Türkei trotzdem sofort von aggressiver Mission gesprochen und die westlichen Medien „beten“ das oft gleich nach. Missioniert der Papst in Deutschland aggressiv, weil sein Buch zum Verkauf ausliegt? Es muss doch niemand sein Buch kaufen!

 

BQ: Wieso kommen denn die nichtprotestantischen Kirchen in der Türkei scheinbar besser mit dem Staat aus?

Nach dem Mord an einem katholischen Priester und einem armenischen Schriftsteller wird kaum noch davon die Rede sein dürfen, dass in der Türkei Nationalisten und Islamisten noch wirklich groß innerhalb der verschiedenen christlichen Gruppen unterscheiden. Wer Türke ist, kann nur Muslim sein, ob frommer oder säkularer, steht dann auf einem anderen Blatt. Religionsfreiheit, selbst in eingeschränkter Form, wie es sie früher unter den Sultanen gab, kennen auch die alteingesessenen Kirchen nicht. Die Säkularisierung der Türkei hat vielen genutzt, den Christen aber (nur?) geschadet.

Aber daneben gibt es nun einmal einen historischen Kompromiss der alteingesessenen Kirchen in der islamischen Welt mit dem Islam, dass sie bestenfalls geduldet werden, wenn sie auf jede missionarische Aktivität gegenüber Muslimen verzichten. So wendet sich die koptische Kirche in Ägypten seit Jahrhunderten schon nicht mehr an muslimische Ägypter, sondern arbeitet ausschließlich unter Kopten. Wenn nun ein Muslim zum Christentum konvertiert, ist es unmöglich, dass er von den alteingesessenen christlichen Minderheiten aufgenommen wird. Deswegen senden orthodoxe Priester Konvertiten in Ägypten wie in der Türkei oft zu den protestantischen Gemeinden, die sowieso überwiegend aus Konvertiten bestehen.

 

BQ: Fordern Sie nach diesen Ereignissen die Einstellung der Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Denn als christlicher Ethiker ist für mich die Trennung von Kirche und Staat bedeutsam. Als Kirche muss man sagen: Nur ein EU-Beitritt bringt den einheimischen Christen die langersehnte Freiheit, und dafür beten die einheimischen Christen. Als Kirche in Deutschland können wir das nicht einfach aus zum Beispiel wirtschaftlichen Erwägungen verneinen. Meine Rente hat mir angesichts des Leidens anderer Christen zunächst einmal egal zu sein. Und dass möglicherweise Millionen von Muslimen nach Deutschland ziehen, kann eine missionarisch lebendige Kirche nicht schrecken.

Gleichzeitig glaube ich aber, dass die Staaten der EU nicht merken, dass sie für innertürkische Machtspiele missbraucht werden. Aus der Sicht des Staates hat ein EU-Beitritt viel zu viele Unwägbarkeiten, als dass er im Moment ernsthaft erwogen werden sollte. Die Idee einer privilegierten Partnerschaft wäre da politisch sicher ein guter Kompromiss, der mehr Freiheit ermöglicht, ja erzwingt, aber die Türkei nicht unumkehrbar zum Teil der EU macht, gleich, ob der Islamismus in der Türkei Oberhand gewinnt oder nicht.

 

BQ: Wir danken für das Interview.

 

Zusätzliches Material:

• Auszug aus der Pressekonferenz vom 19.04.2007 unter Opens external link in new windowwww.youtube.com/watch

• Meldung des Islam-Institutes zur Ermordung von drei Christen in Malatya Opens external link in new windowwww.islaminstitut.de/Vollanzeige-Pressemitteilung.54+M5e4ff5788a7.0.html

• Eine eineinhalbminütige Meldung des türkischen Fernsehsenders ShowTVnet zur Beerdigung von Necati Aydin kann unter Opens external link in new windowwww.youtube.com/watch angesehen werden.

 

Downloads:

  • Initiates file downloadFoto: Pastor Ihsan Özbek und Thomas Schirrmacher