Bonner Querschnitte 09/2012 Ausgabe 203

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Der angedichtete Griff zur Macht

Schirrmacher kritisiert aktuelles Buch von Martin Erdmann

(Bonn, 02.04.2012) Der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, hat das neue Buch von Martin Erdmanns „Der Griff zur Macht: Dominionismus – der evangelikale Weg zu globalem Einfluss“  in einer ausführlichen Rezension auf seinem Blog scharf kritisiert. Der Fehler schlechthin sei für Erdmann, „die Gesellschaft mit christlichen Werten prägen“ zu wollen. Weil die Evangelikalen das wollten, seien „die evangelikalen Gemeinden so kraftlos“. Den wenigsten Evangelikalen sei bewusst – so Erdmann –, dass der Erfolg bei der UN und internationalen Entwicklungen einen hohen Preis habe: Die Menschen folgten „in Scharen ... einem neuen Evangelium“ und die „Verkündigung von Gottes Wort hat in der Zusammenarbeit mit diesen Institutionen keinen Platz mehr“.

Die Wirklichkeit, die sich selbst in der weltweiten Religionsstatistik niederschlage, sei – so Schirrmacher – eine andere. Die Evangelikalen verkündeten das Wort Gottes heute intensiver, globaler und erfolgreicher denn je zuvor und die vielen Tausende, die täglich zum Glauben kommen, täten dies nicht, weil die Weltweite Evangelische Allianz mit dem UN-Generalsekretär spricht, sondern aufgrund der Evangeliumsverkündigung. Schirrmacher wörtlich: „Für die Weltweite Evangelische Allianz kann ich das sehr deutlich sagen: Der Einsatz gegen Armut, für Religionsfreiheit und Menschenrechte oder gegen Menschenhandel tritt zu unserem missionarischen Eifer hinzu, er löst ihn nicht ab.“

Alles für ihn Falsche fasse Erdmann in seiner Wortschöpfung ‚Dominionismus‘ zusammen. Schirrmacher setzt sich vor allem mit folgender Definition auseinander:

„Der Dominionismus lehrt: Das Evangelium des Heils bewirkt die Einführung des ‚Königreichs Gottes‘ als ein irdisches Reich der Herrschaft Christi, das in der jetzigen Zeit aufgerichtet werden soll. Einige Dominionisten vergleichen das Königreich des Neuen Testaments mit dem Israel des Alten Testaments. Sie fühlen sich demnach berechtigt, das Schwert zu ergreifen oder andere Methoden der Strafjustiz zu wählen, um Krieg gegen die Feinde des ‚christlichen‘ Königreiches zu führen. Menschen, die sich der Herrschaft Gottes nicht unterordnen, müssen gezwungen werden, ins Königreich zu kommen. … Die Theologie des Dominionismus setzt sich aus drei Grundannahmen zusammen:

1.) Satan nahm nach dem Sündenfall widerrechtlich die herrschaftliche Stellung über die Welt ein, die eigentlich dem Menschen vorbehalten war.

2.) Die Kirche ist Gottes Instrument, um Satan die Herrschaft wieder abzunehmen.

3.) Die Wiederkunft Jesu wird solange hinausgezögert, bis die Kirche die Herrschaft über alle staatlichen und sozialen Institutionen der Welt errungen hat.“

Dazu Schirrmacher: „Mir ist keine einzige evangelikale Führungspersönlichkeit bekannt, die vertritt, wir sollten, dürften oder müssten ‚das Schwert‘ gegen Nichtchristen ‚ergreifen‘, die ‚Strafjustiz‘ gegen Feinde des Christentums einsetzen oder dass alle Menschen in die Kirche ‚gezwungen‘ werden müssten.” Dass es evangelikale Christen gebe, die ihre Hoffnung in bestimmten Fragen zu sehr auf den Staat setzten oder Parteipolitik mit christlicher Ethik verwechselten, sei richtig. Vor allem in den USA sei das ein Problem. Aber deren Motivation sei nicht der hier dargestellte Dominionismus, und gerade diese Bewegungen, wie etwa die sog. „amerikanische Rechte“, würden von Erdmann nicht thematisiert.

Erdmann nenne kein einziges Beispiel dafür, wer denn diese Position gleichzeitig vertrete, wohl, weil er es gar nicht könne. Es mag sein, dass man für einzelne Aussagen Beispiele finden könne, aber Erdmann sehe ja gerade die Zusammenschau als den Dominionismus an. Im Gegenteil: Evangelikale und vor allem die Weltweite Evangelische Allianz seien, so Schirrmacher, seit dem 19. Jahrhundert Vorreiter der Religionsfreiheit und der Trennung von Kirche und Staat, wie gerade Georg Lindemann ausführlich in seiner Habilitationsschrift nachgewiesen habe.

Noch einmal Schirrmacher wörtlich: „Die evangelikale Bewegung ist unter anderem aus dem Kampf für die Religionsfreiheit heraus entstanden und bei aller Breite ist die Religionsfreiheit eine ihrer tragenden Selbstverständlichkeiten geblieben. Gerade ist sie führend an einem weltweiten Ethikkodex beteiligt gewesen, der jeden Zwang in der Mission als unchristlich verurteilt. Dass sie jetzt dafür sei, mit dem Schwert zu missionieren und Menschen in die Kirche zu zwingen, müsste angesichts der erdrückenden Belege für das Gegenteil gründlich belegt werden. Genau das tut Erdmann aber nicht. Kurzum könnte man sagen: Der Dominionismus – im Sinne von Erdmann – ist grundfalsch und unchristlich – aber es gibt ihn – so jedenfalls – nicht auf dem evangelischen Markt.

Downloads:

  • vollständige Rezension (Initiates file downloadpdf)

 

 

 

Dokumente

BQ0203.pdf