Bonner Querschnitte 21/2008 Ausgabe 73

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Mutmaßliche Hintermänner der Christenmorde in der Türkei vor Gericht genannt

Verteidiger versuchen, den Mordprozess von Malatya zur Hexenjagd auf Missionare umzufunktionieren

(Bonn, 05.08.2008) Auch beim letzten Verhandlungstag Anfang Juli in Malatya wurde von den Verteidigern der Angeklagten suggeriert, die Christen trügen am Ende doch eine Mitverantwortung für das Massaker an ihnen. Barbara G. Baker (Compass Direct News) schrieb dazu einen Bericht, den wir hier in leicht gekürzter Fassung wiedergeben.

 

Trotz neuer Zeugenaussagen vor Gericht, in denen ein Netz lokaler Funktionäre als Hintermänner des Mordes an drei Christen in Malatya im Vorjahr genannt werden, versuchten die Verteidiger der mutmaßlichen Mörder, den Gerichtstermin in der ersten Juliwoche in eine Untersuchung missionarischer Aktivitäten umzufunktionieren.

Die Verteidigung stützte sich bei ihrer Befragung auch auf eine weit hergeholte Verschwörungstheorie, die auf den Behauptungen der Mörder beruht, das Büro des Zirve-Verlags in Malatya hätte geheime Verbindungen zu der als terroristische Vereinigung geltenden verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) unterhalten.

Doch die Aussage eines Zeugen der Anklage, der angab, die Anstifter der Morde persönlich zu kennen, beherrschte die Verhandlung vom 4. Juli, wonach die Anwälte der Opfer bzw. Hinterbliebenen folgerten, dass sie dies einen Schritt weiter zur Aufklärung des Falles brächte.

Unter Ausnützung der antichristlichen Stimmung in der zu 99 % von Muslimen bewohnten Türkei bombardierten die Verteidiger der mutmaßlichen Mörder vier der sechs Zeugen an diesem Prozesstag mit bohrenden Fragen über ihre persönlichen religiösen Überzeugungen und ihre Beteiligung an christlichen Aktivitäten.

„Kümmert euch nicht um die Morde, erzählt uns über die Missionsarbeit“ lautete eine sarkastische Überschrift auf der Titelseite der Zeitung Taraf am Morgen nach diesem Verhandlungstag.

Dies war der achte Verhandlungstag im Prozess gegen fünf am Tatort verhaftete Mordverdächtige und zwei Komplizen wegen des Mordes an den türkischen Christen Necati Aydin und Ugur Yüksel und dem Deutschen Tilman Geske in einem Verlagsbüro am 18. April 2007.

Obwohl der vorsitzende Rechter den meisten Einsprüchen der Anklage gegen irrelevante Fragen der Verteidigung stattgab, kam es während der ganztägigen Verhandlung immer wieder zu Schreiduellen zwischen den beiden Gruppen von Anwälten im Gerichtssaal.

Irrelevante Nachforschungen

„Hatten Sie selbst irgendeine Ihnen übertragene Vollmacht zur Verbreitung des Christentums?“, fragte einer der Verteidiger Ozan Cobanoglu, den ersten Zeugen des Tages. Cobanoglu, ein Student aus dem Westen der Türkei, hatte ohne böse Absicht per E-Mail eine Verbindung zwischen dem türkischen Pastor Aydin und Emre Günaydin, dem mutmaßlichen Anführer der Mörder, hergestellt.

Entrüstete Anwälte der Hinterbliebenen erhoben sofort Einspruch gegen die Frage der Verteidiger. „Diese Frage muss abgelehnt werden, da sie das verfassungsmäßige Verbot verletzt, jemand zur öffentlichen Erklärung seiner Glaubensüberzeugungen zu zwingen“, erklärte Rechtsanwalt Ali Koc.

Doch Augenblicke später fragte die Verteidigung Cobanoglu: „Weshalb wurde Necati Aydin mit der Leitung der Gemeinde in Malatya betraut? Wer hat ihn ausgewählt? Welche Bedeutung hatten all die E-Mails an ihn, in denen ihm zu seiner neuen Position bei Zirve gratuliert wurde?“ Anwalt Erdal Dogan gab zu bedenken, dass diese Frage für den Mordfall irrelevant sei und wandte sich an die Verteidiger: „Bitte zeigen Sie ein wenig Respekt. Bei diesem Prozess geht es um drei grausame Morde, nicht um Ermittlungen über den christlichen Glauben und seine Praktiken! Machen Sie sich nicht lächerlich!“

Die Verteidiger stellten weiterhin Fragen, die nichts mit dem Fall zu tun hatten, z.B. über eine von Mordopfer Geske geführte Firma und über die missionarischen Aktivitäten von Gokhan Talas und seiner Frau, der Zeugen, die am Tatort gewesen waren, diesen jedoch nicht betreten konnten, weil die Mörder von innen abgeschlossen hatten.

„Terroristische Verschwörungen“

Später fragten die Verteidiger, ob die Aktivitäten der Opfer zur Verbreitung des Christentums in einem Zusammenhang mit den Terroristen der PKK stünden, die einen separatistischen Kurdenstaat im Südosten der Türkei errichten wollen. „Kein Christ hat Verbindungen mit der PKK“ konterte Gokhan Talas, „das Blut der Christen ist bis zum letzten Tropfen mit unserem Volk verbunden.“ Günaydin und seine Mittäter behaupteten bei der Befragung durch die Polizei und auch vor Gericht, dass man ihnen gesagt hätte, die Christen vom Zirve-Verlag wären insgeheim mit der PKK verbündet.

An einer Stelle hielt der Verteidiger Mehmet Katar eine den Computerdateien von Zirve entnommene Stellenbeschreibung in die Höhe und deutete an, dass die Anforderungen an die Mitarbeiter ihren Umgang mit jungen Christen betreffend in Wirklichkeit Schulungsrichtlinien für Aktivitäten der PKK seien.

Die Anwälte der Hinterbliebenen verwehrten sich nicht nur gegen diese unbegründete Behauptung. Sie wiesen sogar den vorsitzenden Richter darauf hin, dass eine von ihm gestellte Frage über Missionstätigkeit gegen eine Erkenntnis des Obersten Gerichtshofs der Türkei verstieß, der rechtskräftig festgestellt hatte, dass religiöse Missionstätigkeit nach türkischem Recht vollkommen legal ist. Das Gericht weigerte sich, 16 Akten mit internen Informationen über den Zirve-Verlag aus den Prozessakten auszuscheiden. Dadurch wurden die Verteidiger nur darin bestärkt, weiterhin für den Mordprozess irrelevante Fragen zu stellen.

Inhaftierter Informant wird Rädelsführer gegenübergestellt

Der ehemalige Unteroffizier der Armee Metin Dogan, 24, wurde in Handschellen aus dem Elbistan-Gefängnis in Malatya vorgeführt, wo er eine Freiheitsstrafe von 16 Jahren wegen Mordes verbüßt.

Der Zeuge wiederholte im Detail seine Anschuldigungen, die er im Januar in einem Brief an den Staatsanwalt in Malatya dargelegt hatte. Dogan nannte vier Männer, und sagte aus, diese hätten ihn im August 2005 heimlich beauftragt, das Büro des Zirve-Verlags am hellen Tag zu überfallen und die dort befindlichen Personen zu töten. Die vier von dem Zeugen genannten Männer sind ein Lokalpolitiker der Partei der nationalen Bewegung (MHP), ein Leiter der ultranationalistischen Jugendorganisation Ulku Ocaklari, ein ehemaliger Parlamentarier und ein pensionierter Generalmajor. Einer der Auftraggeber soll laut Aussage des Zeugen gemeint haben, dieser Auftrag müsse mit einem Messer erledigt werden. Würde es mit einer Schusswaffe gemacht, dann könne man es nicht „mit der Polizei arrangieren.“ Allerdings wurde Dogan zwei Monate später in Mersin verhaftet, weil er den Mörder seines älteren Bruders getötet hatte. Weiterhin wurde behauptet, einer der damaligen Anstifter habe verlauten lassen, der „Auftrag“ wäre an Günaydin weitergegeben worden. Nachdem Dogan diese Behauptungen an die Staatsanwaltschaft weitergegeben hatte, wurde nach seiner Aussage das Haus seines Vaters beschossen und seine Familie gewarnt, er solle nichts sagen. Diese Aussage wird durch einen Bericht der Zeitung Zaman vom 15. Mai bestätigt, in dem unter anderem ein Interview mit Dogans Vater und Fotos des beschädigten Bauernhauses und von Patronenhülsen veröffentlicht wurden.

Da die Aussagen Dogans in krassem Widerspruch zu den Aussagen des Hauptangeklagten Günaydin und des Zeugen Polat, eines Bezirksratsabgeordneten der MHP, stehen, wurde vom Gericht deren Überprüfung angeordnet.

Verfolgung der Täter

Auf den Stufen des Gerichtsgebäudes kam es nach der Verhandlung zu einer Begegnung der Anwälte der Opfer und Hinterbliebenen mit der türkischen Presse. Die Anwälte gaben der Hoffnung Ausdruck, dass nicht nur die Mörder überführt, sondern auch deren Hintermänner enttarnt werden könnten. Ein türkischer evangelischer Christ in leitender Stellung, der bei dem Gerichtstermin anwesend war, erklärte: „Die offensichtliche Beteiligung anderer wird sichtbar, doch es ist nicht klar, ob die Gerichtsbeamten in Malatya das wirklich berücksichtigen werden. Ihr Widerstand dagegen, all diese Spuren zu verfolgen, gibt Anlass zu noch größerer Besorgnis.“

 

So weit der Bericht von Barbara Baker. Damit wird auch verständlich, warum die allgemeine Sicherheitslage der Christen in der Türkei nach wie vor sehr angespannt ist und sich nach wie vor regelmäßig Gemeinden an das Martin Bucer Seminar (MBS) wenden mit der Bitte, sie bei der Beschaffung und Installation von Sicherheitstechnik für ihre kirchlichen Räume zu unterstützen. Erst dieser Tage haben Mitarbeiter des MBS zwei detaillierte Kostenvoranschläge für Sicherheitstechnik durchgesehen und mit den Christen in der Türkei Details für die Umsetzung besprochen.

Über das Spendenkonto des Seminars (Opens internal link in current windowwww.bucer.de/spenden.html, Verwendungszweck: Märtyrer Malatya) sind nach einem Aufruf im Frühjahr so viel Gelder zusammengekommen, dass kürzlich insgesamt über 15.000 Euro als Hilfe für die Prozesskosten in die Türkei überwiesen werden konnten.

Das Martin Bucer Seminar ist in Bezug auf die Morde von Malatya besonders betroffen und engagiert, weil einer der Opfer, Necati Aydin, Student des türkischen Zweiges des MBS war und auch andere Mitarbeiter des Seminars in der Türkei mehr oder weniger stark betroffen waren und sind.

Dokumente

BQ0073_01.pdf