Bonner Querschnitte 27/2010 Ausgabe 149

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Was ist „Islamismus“

Ein Interview mit Christine Schirrmacher

(Bonn, 03.11.2010) Sie zählt zu den profiliertesten deutschen Islamwissenschaftlern, lehrt unter anderem an der Evangelisch-Theologischen Fakultät Leuven in Belgien und engagiert sich für Menschenrechte in islamischen Ländern. Christine Schirrmacher erläutert in einem Interview den Unterschied zwischen „Islamismus“ und „Islam“.

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Sie haben Bücher mit dem Titel „Der Islam“ geschrieben. Wieso ist „Islamismus“ etwas anderes als „Islam“?

Christine Schirrmacher: Unter „Islamismus“ versteht man Politik im Namen des Islam mit dem Ziel der Schaffung eines Staates unter der Herrschaft eines Kalifen. Islamisten fordern, dass – nach einer gewissen Übergangszeit – alle Bereiche der Gesellschaft wie das Eherecht oder das Strafrecht am religiösen Recht des Islam – der Scharia – ausgerichtet und die Lebensweise Muhammads im 7. Jahrhundert möglichst genau nachgeahmt werden. In einem solchen Staat ist natürlich für demokratische Freiheiten, Gleichberechtigung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen oder auch zwischen Männern und Frauen kein Platz.

Kann man den Unterschied zwischen dem Islamismus und dem gewalttätigen islamischen Fundamentalismus auf einen kurzen Nenner bringen?

Islamisten benutzen nicht zwangsläufig Gewalt, sondern setzen auch auf Strategie, Einflussnahme, Wahlen, Finanzmittel, Bildungsinstitute oder Hilfeleistungen für Bedürftige, um für ihre Vorstellungen zu werben und ihre Auffassungen durchzusetzen. Allerdings ist die Grenze zum gewalttätigen Dschihadismus fließend, vor allem, weil die frühen Vordenker und Führer des Islamismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Gewaltanwendung in bestimmten Fällen nicht ausgeschlossen haben.

Sie beschreiben kenntnisreich die Vorgeschichte und Geschichte des Islamismus. Ist es aber für uns heute wirklich von Bedeutung, was islamische Theologen vor 50 bis 100 Jahren auf Arabisch geschrieben und gedacht haben?

Es ist für uns alle von großer Bedeutung, weil Vertreter und Bewegungen des Islamismus längst auch in Europa heimisch geworden sind. Die wichtigsten Werke ihrer religiös-politischen Führer sind auch in europäische Sprachen übersetzt und haben Einfluss auf die muslimischen Gemeinschaften unter uns. Islamismus – das ist mitnichten ein Thema des Nahen Ostens, denn die weltanschauliche Auseinandersetzung findet längst mitten in Europa statt. Wer die Freiheiten und Errungenschaften unserer Demokratie wie etwa die Religionsfreiheit verteidigen will, kommt nicht daran vorbei, sich zuerst zu informieren und mit den Vordenkern des Islamismus zu beschäftigen.

Wie kommt es, dass die Öffentlichkeit sich dagegen erst seit dem 11. September 2001 dafür interessiert?

Ein Großteil der Öffentlichkeit hat den Islam so richtig erst nach dem 11.9.2001 wahrgenommen. Leider bestimmt noch immer häufig entweder Verharmlosung oder Panik das Bild, wenn es um eine Beschäftigung mit dem Islam geht. Eine sachliche, informierte und differenzierte Auseinandersetzung ist aber auch mit dem ideologischen Gedankengebäude des Islamismus dringend erforderlich, um zu verstehen, welche Ziele manche islamischen Organisationen für Europa verfolgen. Auch in der Integrationsdebatte muss dringend zur Kenntnis genommen werden, welch fatale Rolle der Abgrenzung und Integrationsverweigerung hiesige islamistische Gruppierungen spielen. Und nur so können Muslime von Islamisten unterschieden werden.

Wie sehen Sie die Zukunft des Islamismus?

Der Islamismus hat in den letzten 25 Jahren ungeheuer an Boden gewonnen, sowohl in Europa als auch in den islamischen Herkunftsländern, von deren Entwicklungen die muslimische Gemeinschaft in Europa nicht abzukoppeln ist. Ein Grund dafür ist die tiefe Enttäuschung über die im Vergleich zur westlichen Welt immer stärker abfallenden islamisch geprägten Länder, was Wohlstand, Bildung, Fortschritt, Freiheitsrechte und politisches Gewicht angeht. Da der Islam gleichzeitig als die allen anderen überlegene Religion und Gesellschaftsordnung gepredigt wird, kann die Lösung aus islamistischer Sicht – nach fehlgeschlagenen Experimenten mit Sozialismus, Nationalismus oder Panarabismus – nur im Islam selbst liegen und in einer Rückkehr zu seiner umfassenden Praktizierung.

Was würden Sie Politikern in Deutschland raten?

Die Frage, ob diese oder jene muslimische Gruppierung oder einzelne Muslime sich in Deutschland integrieren möchten, sollten sie nicht an der Frage festmachen, ob sie sehr religiös sind oder nicht, und sie sollten von den Muslimen nicht verlangen, ihre Religiosität aufzugeben. Religiöse Muslime sind nicht per se Integrationsverweigerer und Begünstiger von Gewalt. Wichtig ist auch für die Politik, die Frage nach der Gültigkeit der Scharia im politischen und gesellschaftlichen Bereich nicht zu verdrängen, sondern offenzulegen und ihr entgegenzutreten. Islamisten werden in der Regel das Grundgesetz der Bundesrepublik nur vorübergehend akzeptieren können, da ihr Bezugspunkt die Scharia bleibt. Für politische Schariarechte darf in Deutschland kein Platz sein.

 

Bibliografische Angaben:

  • Christine Schirrmacher: Islamismus – Wenn Religion zur Politik wird, Hänssler, 96 Seiten, 7,95 EUR, ISBN: 978-3-7751-5259-4.

Downloads:

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Dokumente

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