Bonner Querschnitte 37/2015 Ausgabe 373

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„Eine Theologie des Lernens“

Dissertation zur Pädagogik von Hermann Bavinck erschienen

(Bonn, 06.10.2015) Der Schweizer Theologe, Autor und Blogger Hanniel Strebel hat sich in seiner Dissertation mit dem im deutschsprachigen Raum eher weniger bekannten reformierten Theologen Herman Bavinck (1854-1921) auseinandergesetzt. International wird er neben Abraham Kuyper zu den bedeutendsten Vertretern des Neo-Calvinismus gezählt. Deshalb ist es nur zu begrüßen, dass der niederländische Denker wieder stärkere Beachtung findet.

Die vorliegende Untersuchung ist die erste deutsche Dissertation zu Herman Bavinck. Thematisch knüpft sie dort an, wo die Bavinck-Forschung in den 20er- und 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts ihren Anfang nahm: bei seiner Erziehungsphilosophie.

Die Dissertation basiert auf einer Analyse von Bavincks Gesamtwerk. In ihrer Grundstruktur folgt sie Bavincks „Prinzipien der Pädagogik“ (1904). Sie verknüpft theologisch-systematische Aspekte seiner Arbeit mit drei Schlüsselfragen des Lernprozesses. Wozu lernen wir? Mit welchen Voraussetzungen? Wie findet Wissenserwerb statt?

Prof. Dr. Thomas K. Johnson, Senior Advisor der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, empfiehlt das Werk mit folgenden Worte: „Ich hoffe dass diese neue Studie zu Bavincks Theologie zur Bereicherung der Theologie der Gegenwart beitragen wird. Sich den Fragen über das Verhältnis zwischen Glauben und Denken, Religion und Bildung zu widmen, ist kaum je dringlicher gewesen.“

Johnson ist zudem Herausgeber der Neuausgabe von Bavincks Werk „Christliche Weltanschauung“.

 

Aus Anlass der Veröffentlichung der Dissertation von Hanniel Strebel haben wir mit dem Autor ein Interview geführt.

 

Interview mit Hanniel Strebel

 

BQ: Wer war eigentlich Herman Bavinck?


Hanniel Strebel: Herman Bavinck (1854-1921), niederländischer Theologe, Professor der Dogmatik, Buchautor, Kirchenpolitiker und Senatsabgeordneter, gilt bis heute als einer der führenden niederländischen reformierten Denker. Sein Hauptwerk, die vierbändige Reformierte Dogmatik, ist in den letzten Jahren in verschiedenen Sprachen erschienen. Eine deutsche Übersetzung ist in Bearbeitung. Während Bavinck in den USA und auch in Asien eine (begrenzte) Renaissance erlebt hat, ist er im deutschen Sprachraum kaum bekannt.

 

Abgesehen von Bavincks Wiederentdeckung im angelsächsischen Raum: Hat er auch für Europäer etwas zu sagen?

Bavinck erlebte während seines Lebens tiefgreifende gesellschaftliche, kirchliche und politische Umwälzungen: Vorangestellt werden muss seine eigene geistliche Entwicklung, die während seines Studiums entscheidend geformt wurde. Bavinck erhielt seine Ausbildung an der theologisch liberalen Universität in Leiden, blieb aber den Reformierten Bekenntnissen lebenslang verpflichtet. Er wehrte sich gegen die Trennung von universitärer und kirchlicher Ausbildung.

 

Welchen Beitrag leistete Bavinck zur Bildungspolitik?

Zuerst war Bavinck Universitätsprofessor für Dogmatik und als ein Vertreter der niederländischen Hochschullandschaft. Zwanzig Berufsjahre war Bavinck Dozent und Rektor der kirchlichen Ausbildungsstätte im ländlichen niederländischen Kampen. Weitere 20 Jahre war er an der Freien Universität in Amsterdam tätig, also in einem städtisch-weltoffenen Umfeld.

Zudem griff Bavinck während Jahrzehnten in den niederländischen Bildungskampf (schoolstrijd) auf der Seite der konfessionellen Reformierten ein. 1920 erlangten private Schulen nicht nur staatliche Anerkennung, sondern gleichberechtigte finanzielle Unterstützung.

In den letzten zehn Lebensjahren war Bavinck zudem Mitglied der zweiten nationalen Kammer des Parlaments, wo er auch Bildungsfragen thematisierte.

 

Das hört sich noch immer nach geschichtlichem Interesse an.

Bavinck vereinte mit seiner Aufgaben- und Rollenvielfalt innerhalb eines von markanten Wechseln und soziologischen Entwicklungen geprägten Lebens eine geballte Ladung an Ideen, deren Umsetzung er selbst erlebte und reflektierte. Besonders wertvoll in dieser Ertrag für den Bereich der Bildung. Übrigens nahm die Bavinck-Forschung in den 1920er- und 1930er-Jahren dort ihren Anfang.

 

Was hat Bavinck inhaltlich zum Thema Lernen zu sagen?

Eine ganze Menge. 40 Jahre Berufserfahrung im hochschulpolitischen Umfeld paarte sich mit großem Interesse an pädagogischen und psychologischen Themen. Seine ersten Werke zur Psychologie und Pädagogik entstanden noch während seiner Zeit in Kampen und waren in gewisser Weise beide in Ergänzung zu seiner Dogmatik geschrieben worden. In seinen letzten Lebensjahren veröffentlichte Bavinck drei weitere pädagogische Werke. Ein Biograph Bavincks spricht von der Pädagogik als der „Liebe seines Lebens“. Mit Interesse verfolgte Bavinck beispielsweise die Entstehung und Verbreitung der Reformpädagogik und den damals neu aufgekommenen Zweig der Entwicklungspsychologie.

 

Weshalb braucht es eine „Theologie des Lernens“?

Das kann ich aus meiner täglichen Arbeit heraus beantworten, wo es um Lernprozesse von Erwachsenen geht. Scheinbar stehen Methoden, sprich die Art und Weise der Umsetzung, im Vordergrund. Doch eigentlich steht im Hintergrund eine andere Frage, die jedoch nicht gestellt bzw. still vorausgesetzt wird: Warum lerne ich? Jeder Mensch ist bewusst oder unbewusst auf ein Ziel „hingeordnet“. Bavinck stellte die Zielfrage an den Anfang seines Werkes „Prinzipien der Pädagogik“.

 

Welche weiteren Fragen stellte sich Bavinck?

Jedes „Lernarrangement“ setzt ein bestimmtes Menschenbild voraus. Kennzeichnend für die letzten 200 Jahre ist das Ausklammern der Sünde aus den Lernkonzepten. Der offensichtliche Tatbestand der Sünde musste deshalb anderweitig verortet werden. Bavinck setzte sich intensiv mit den Folgen dieser Entwicklung auseinander.

 

Beschäftigt sich Ihre Dissertation nicht eher mit einer christlichen Bildungsphilosophie?

Die Fragen, warum jemand lernt und wie es um den Lernenden selbst bestellt ist, sind vorrangig theologischer Natur. Zusätzlich behandle ich im letzten Teil der Dissertation eine weitere Frage. Diese greift tatsächlich in philosophisches Gelände hinein: Wie kann der Lernende erkennen, was wahr ist? Es geht dort um die Epistemologie (Erkenntnislehre) Bavincks.

 

Weshalb ist diese Frage wichtig?

Seit Jahren ist die Pädagogik zu einem Hort skeptischer Wirklichkeitskonzepte geworden. Diese Strömung ist insbesondere in den Sozialwissenschaften unter dem Sammelbegriff des „Konstruktivismus“ bekannt geworden. Für einen Kenner der europäischen Ideengeschichte sind die Postulate nichts Neues.  Bavinck selbst vertrat zeitlebens – gegen die zeitgenössischen Strömungen, die entweder in Richtung Rationalismus oder Empirismus gingen - den dritten Weg eines „kritischen Realismus“. Wenn man bedenkt, dass sich in den letzten Jahren die Vertreter des Neuen Realismus zusammengefunden haben und derzeit zunehmend an Beachtung gewinnen, wird einem die Aktualität von Bavincks Überlegungen deutlich.

 

Vertrat Bavinck als Verfechter einer konfessionellen Schule eine „christliche Bildung“?

Hier gilt es, sorgfältig zu unterscheiden. Bavinck war sich sehr wohl bewusst, dass sein eigenes Land durch einen unaufhaltbaren Säkularisierungsprozess ging. Damit stellte sich die Frage, wie die verschiedenen Religionen (von denen der Säkularismus eine ist) nebeneinander existieren konnten. Bavinck ging die Frage grundsätzlicher an, indem er untersuchte, in welchem Verhältnis Christentum und Kultur zueinander stehen. Das war eine der Hauptfragen, mit der sich Bavinck zeitlebens beschäftigte. Ich habe den zweiten Teil der Dissertation diesem Thema gewidmet. Ein Grund mehr, das Buch zu lesen.

 

Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis?

Es scheint mir, dass wir in der Pädagogik und Andragogik (Erwachsenenbildung) nicht in erster Linie unsere methodische Breite vertiefen müssen. Viel wichtiger ist die Auseinandersetzung mit übergeordneten Fragen, welche die Weltsicht betreffen.

 

Wer soll die 400 Seiten lesen?

Der Haupttext– die ausführlichen Fußnoten und die Anhänge weggenommen – umfasst etwa die Hälfte. Damit lässt sich der Text in zehn Tagen bewältigen, wenn täglich eine Stunde dafür eingesetzt wird. Ich habe darauf geachtet, dass am Ende jedes Hauptkapitels alle wesentlichen Gedanken in konzentrierter Form zusammengefasst werden. Ich empfehle die Lektüre lehrenden Christen auf allen Stufen, gerade auch im universitären Bereich. Auch Pastoren und an Theologie interessierten Christen werden in Bavinck eine „satte Kost“ vorfinden. Bavinck ist hochaktuell.

 

Was ist das nächste Thema, über das Sie schreiben werden?

Bavinck hat mich angeregt, mich noch vertieft mit dem Thema Christentum und Kultur auseinanderzusetzen. Ich bin deshalb daran, eine kleine Kulturtheologie zu schreiben. Dabei vergleiche ich Herman Bavinck mit zwei anderen systematischen Theologen, welche sich intensiv und in enger Verbindung mit der eigenen Biografie damit beschäftigt haben: Paul Tillich (1886 – 1965) und David F. Wells (* 1939).

 

Zum Autor:

Hanniel Strebel, Jg. 1975, wohnhaft in Zürich, ist mit Anne Catherine verheiratet und Vater von fünf Söhnen, die privat unterrichtet werden. Nach der Fachhochschule in Betriebswirtschaft bildete er sich als Erwachsenenbilder weiter und studierte am Martin Bucer Seminar Theologie (MTh, USA). Mit der Studie „Eine Theologie des Lernens. Systematisch-theologische Beiträge aus dem Werk von Herman Bavinck“ promovierte er an der Olivet University, San Francisco, im Bereich Systematische Theologie (PhD, USA). Strebel ist begeisterter Vielleser und -schreiber. Er bloggt unter hanniel.ch zu Fragen der Theologie, Bildung und Familie.

 

Bibliografische Angaben:

·        Hanniel Strebel. Eine Theologie des Lernens – Systematisch-theologische Beiträge aus dem Werk von Hermann Bavinck. Christliche Philosophie heute Bd. 16. Verlag für Kultur und Wissenschaft: Bonn, 2014. Pb. 402 S. ISBN: 978-3-86269-095-4. 36,- EUR [D].

·        Das Buch ist über den örtlichen Buchhandel oder online via Opens external link in new windowAmazon.de lieferbar.

·        Ebenfalls vom Autor erschienen ist:
Hanniel Strebel. Home Education – Verteidigung eines alternativen Bildungskonzepts und Lebensstils unter besonderer Berücksichtigung der Schweiz. Pädagogik in Europa in Geschichte und Zukunft, Bd. 3. Verlag für Kultur und Wissenschaft: Bonn, 2011. Pb. 216 S. ISBN 978-3-86269-013-8. 16,- EUR [D].

 

Downloads:

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·         Foto Hanniel Strebel (Initiates file downloadjpg)

Dokumente

BQ0373.pdf