Bonner Querschnitte 11/2017 Ausgabe 472

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Gedenkfeiern zum 10. Jahrestag der Morde von Malatya

Türkische Christen blicken dankbar und mit Gottvertrauen in die Zukunft

(Bonn, 22.04.2017) Am 18. April jährte sich zum zehnten Mal der Mord an den drei Christen Necati Aydin, Tilmann Geske und Ugur Yüksel im osttürkischen Malatya.

Die fünf jungen Täter hatten sich über mehrere Wochen immer wieder mit den Christen zum gemeinsamen Bibelstudium in den Räumen des Zirve-Verlages in Malatya getroffen. Am 18.04.2007 wurden die Opfer gefesselt und mit Messern brutal ermordert. Die Täter wurden noch auf frischer Tat von der Polizei verhaftet. Der Prozess zog sich aber über viele Jahre hin und ging erst am 28.09.2016 in erster Instanz mit der Verhängung von drei Mal lebenslänglicher Haftstrafe für jeden der fünf Täter zu Ende. Die Täter blieben zunächst, wie schon in den letzten Jahren, mit elektronischen Fußfesseln versehen auf freiem Fuß. Nach starker Kritik durch die Vertreter der Opfer sowie Einspruch der Staatsanwaltschaft wurden die fünf Haupttäter dann doch am 30.09.2016 in Haft genommen. (Für Details vgl. die unten verlinkten älteren BQs.)

Aus Anlass des zehnten Jahrestages fand in Istanbul am 17. April, dem Vorabend, ein zentraler Gedenkgottesdienst statt. Am 18. April gab es dann wie in den Jahren zuvor Gedenkveranstaltungen in Malatya und Izmir.

Gedenkgottesdienst in Istanbul

„Heute erinnern wir uns an eines der wichtigsten Ereignisse der Republik, die Ermordung der drei Geschwister. Wir wissen, dass die Gemeinde Christi auf dem Blut der Heiligen erbaut wird.“ Mit diesen Worten eröffnete Behnan Konutgan den Gedenkgottesdienst, der in der armenisch-protestantischen Kirche in Beyoglu / Istanbul stattfand. Nicht zuletzt die Morde an den koptischen Christen in Ägypten eine Woche vor Ostern erinnerten an den Text in Offenbarung 12,11-12 und damit an die Wahrheit, dass Christen immer zu sterben bereit sein müssten. Konutgan ist langjähriger Pastor der Emmanuel Bible House Church und Präsident des türkischen Zweiges des Martin Bucer Seminars, an dem als einer der ersten Studenten auch Necati Aydin eine theologische Ausbildung begonnen hatte.

Susanne Geske schaute auf die zehn Jahre zurück, seit ihr Mann Tilmann ermordert wurde. Die Zeit sei so schnell vergangen, aber der Schmerz sei immer noch derselbe. Manchmal denke sie darüber nach, wie es wäre, wenn er seine Kinder hätte heranwachsen sehen. Sie drückte ihre Dankbarkeit darüber aus, dass ihr und der Familie vom ersten Tag an so viele, auch unbekannte Christen zur Seite gestanden hätten. „Wir im Osten haben kaum realisiert, wie groß die Familie der Christen in der Türkei doch ist.“ Besonders die Gemeinden in Diyarbakir und Ankara hätten sowohl ihrer Familie als auch der kleinen Gemeinde in Malatya sehr stark geholfen. Besonders dankte sie für die vielen Gebete. Ihre jüngste Tochter Mirjam habe einmal gefragt: „Beten die Leute für uns?“ „Ja“, habe sie geantwortet. „Ich spüre das. Wir sind getragen durch Gebet“, sei die Reaktion ihrer Tochter gewesen.

Die Kraft des Gebetes habe sie im Laufe der letzten zehn Jahre immer wieder erlebt. Sie habe sich an eine Predigt eines Freundes ihres Mannes erinnert, der bei der Geburt seine Frau verloren hatte, der über Hiob gepredigt hatte und dabei daran erinnerte, dass Gott sich sicher war, dass Hiob trotz schwerster Leiden an Gott festhalten würde. Gerade wenn es auch im alltäglichen Leben Schwierigkeiten gab und sie in manchen Fragen mit ihren Teenagern nicht mehr weiter wusste, habe sie oft zu Gott gerufen: „Ich kann es nicht, schau Du auf meine Kinder.“ Und dann sei oft konkrete Hilfe gekommen, sei es durch ein Telefonat, einen Besuch von Freunden oder auf anderem Wege. „Wir können Gott wirklich vertrauen, er hat uns durchgetragen.“

In Bezug auf die Situation der Christen in Malatya habe es direkt nach den Morden so ausgesehen, als ob alles zerstört wäre, „aber Gott hat Frucht daraus entstehen lassen“, so Geske wörtlich.

Pastor Konutgan bestätigte, dass die Treue von Susanne Geske und ihr öffentliches Zeugnis Gott in den letzten zehn Jahren viel Ehre gebracht habe. Susannes Worte, dass sie den Verbrechern vergebe, die in vielen Zeitungen zu lesen und im Fernsehen vielfach zu sehen waren, hätten „mehr Auswirkungen gehabt als hundert Missionare“, so Konutgan.

Pastor Hakan Tastan berichte von einer Begnung mit Necati Aydin, bei der er ihn gefragt habe, ob er wirklich nach Malatya gehen wolle. Es könne gefährlich sein. Schlussendlich habe Necati die Worte des Apostels Paulus in Philipper 1,23-24 mit seinem eigenen Leben bestätigt. Tastan berichtete, dass der Heilige Geist bei der Bekehrung Ugurs zum christlichen Glauben so stark da gewesen sei, wie er das selten erlebt habe. So habe Ugur wenige Wochen vor der Bluttat geäußert, er wäre bereit, für Christus zu sterben – und das habe er nicht nur so dahingesagt. Schlussendlich sei er als letzter seinen schwersten Verletzungen erlegen – mit dem Wort „Mesih“ („Messias / Christus“) auf den Lippen.

Semse Aydin, die in den USA lebende Witwe von Necati, schickte ihre Grüße mit einem Gedicht. Sie spüre nach wie vor die Einsamkeit, aber je länger das Leben weitergehe, desto eher werde sie wieder mit Necati in der Ewigkeit bei Gott zusammen sein. Sein fester Glaube an Jesus sei ihr immer noch eine Inspiration.

Refik Topçu, ein Mitarbeiter des Zirve-Verlages, bezeichnete die Morde von Malatya als grundlegenden Einschnitt in der noch jungen Geschichte der evangelischen Christen in der Türkei. Im Grunde gäbe es eine Zeit vor und eine Zeit nach Malatya. Das Massaker habe in vielen Bereichen Spuren hinterlassen, so im Glauben der Christen in der Türkei. Es habe aber auch die Geduld und das Vertrauen in Recht und Freiheit auf eine große Probe gestellt, habe man doch 115 Verhandlungstage und neuneinhalb Jahre warten müssen, bis ein Urteil in erster Instanz gefällt worden sei. Sowohl die Anwälte als auch die Hinterbliebenen und die sie unterstützenden Gemeinden hätten aber keine Erwartungen mehr, dass der Prozess zeitnah zu einem gerechten Ende komme. Der Richter hatte im September 2016 bei der Urteilsverkündigung nicht zuletzt darauf hingewiesen, dass mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen sei, dass es Hintermänner und gegebenenfalls eine Organisation gegeben habe, die man leider nicht gefunden habe.

Gleichwohl seien die Gedenktage immer wieder eine gute Gelegenheit, sich neu zu entscheiden, wohin man gehen wolle, so Topçu. Die drei Brüder seien klar dem Gebot Jesu in Matthäus 28 gefolgt, ihren Glauben zu bezeugen und weiterzugeben. „Mit ihrem Tod haben sie uns ein Erbe hinterlassen.“ Am Morgen des 18.04.2007 habe er noch die Geschichte der Steinigung des Stephanus in Apostelgeschichte 7 sowie die Liste der „Glaubenshelden“ in Hebräer 11 gelesen. Da seien es noch Geschichten aus der Antike gewesen. Wenige Stunden später seien sie plötzlich sehr real gewesen – und auch er habe Gott angeklagt und habe zunächst Angst und Schrecken gehabt. Dann aber habe er sich die drei Namen der Brüder ans Ende von Hebräer 11 zur Erinnerung dazugeschrieben.

Auch heute spürten sie als Christen immer wieder Druck. Dabei ginge es nicht darum, selbst Helden sein zu wollen. Gott erwarte einfach nur Glauben. Er habe den Glauben der Geschwister belohnt. Wir müssten jetzt nicht nur trauern, sondern könnten uns auch freuen, denn sie würden gemeinsam mit der unzählbar großen Volksmenge in weißen Kleidern vor dem Thron Gottes stehen, um Ihn anzubeten, wie es die Offenbarung in Kapitel 7, Verse 9 bis 17 bezeuge. Und dann komme die Zeit, in der Gott alle Tränen abwischen werde (Vers 17). Deshalb könnten und sollten jetzt auch wir treu sein.

Am Ende des Gottesdienstes sprach noch Rakel Dink, die Witwe des am 19. Januar 2007 in Istanbul auf offner Straße erschossenen armenischen Publizisten Hrant Dink. Die schwierigste Frage nach der Ermorderung ihres Mannes sei die ihrer Kinder gewesen. Sie hätten gefragt, warum das geschehen sei. Und: „Du hast doch Jesus vertraut?“ Sie habe so antworten wollen, dass der Glaube ihrer Kinder erbaut werde, sie aber auch ehrlich sei. So habe sie zu Gott um Antwortet gebeten. Gott habe sie dann an Psalm 103,12 erinnert: „So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein.“ Und an 1. Korinther 13,12: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ Diese Texte der Hoffnung habe sie an ihre Kinder weitergegeben.

Gedenkfeier in Izmir

Mehr als 100 Christen trafen sich am 18. April um 14:00 Uhr zu einer Gedenkfeier am Grab des türkischen Märtyrers Necati Aydin auf dem „Christlichen Friedhof“ im Izmirer Stadtteil Karabaglar. Bekannte von Necati Aydin erinnerten in kurzen Beiträgen an sein Leben. Eine Kurzansprache wies darauf hin, dass Jesus für ernsthafte Nachfolger Leiden um des Evangeliums willen vorausgesagt habe. Zwei Tage nach dem Osterfest wurde auch besonders auf die Hoffnung hingewiesen, dass Necati jetzt schon die Freude Christi erlebe und dass für Christen der Tod nicht das letzte Wort habe. Durch christliche Loblieder bekam die Gedenkfeier den Charakter eines fröhlich-getrosten Gottesdienstes.

Necati Aydin hatte seine Kindheit und Jugend in der Izmirer Vorstadt Menemen verbracht. Nach seiner Konversion zum christlichen Glauben war er vor seinem späteren Umzug in die osttürkische Stadt Malatya aktives Mitglied der „Karatas Kilisesi“ (Karatas-Kirche) im Izmirer Stadtteil Konak.


Gedenkfeier in Malatya

Pastor Tim Stone eröffnete die Gedenkfeier mit etwa 80 Gläubigen mit dem Wort aus Jakobus 5,16: „Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist.“ Dies hätten sie in den letzten Jahren in vielfacher Weise erlebt. Beispielhaft nannte er das Gebet eines Christen in Frankreich, der in besonderer Weise für Gehörlose in der Türkei gebetet habe. Während der Zeit seines jahrelangen Gebetes seien in verschiedenen Städten der Türkei mehrere Dutzend gehörlose Menschen zum Glauben an Jesus Christus gekommen – und die Gemeinde in Malatya sei in gewisser Weise das Zentrum von ihnen, wo aktuell gerade eine kleine Konferenz dieser gehörlosen Christen stattfinde.

Neben dem Gedenken an die drei ermordeten Brüder stand das Gebet für das Land und seine Verantwortlichen, für Frieden und Gerechtigkeit im Vordergrund des Gottesdienstes. Konkreter Leitfaden dafür waren Worte des Apostels Petrus (1. Petrus 2,11-17).

Pastor Ismail Kulakçioglu aus Bursa erinnerte zum Schluss an die Worte Jesu aus Johannes 17,14, dass die Christen von der Welt gehasst würden, wie Jesus von der Welt gehasst wurde. Christen sollten die Menschen aber mit den Augen Jesu sehen und ihnen die Liebe Gottes weitergeben.


Im Anschluss an den Gottesdienst in den Räumen der Gemeinde von Malatya gab es eine kleine Gedenkfeier am Grab von Tilmann Geske auf dem armenisch-orthodoxen Friedof von Malatya. Sie war von viel Gebet und Gesang gekennzeichnet und lies bei aller Trauer die Hoffnung auf die ewige Herrlichkeit bei Jesus deutlich werden.

Eine etwas kleinere Gruppe fuhr dann noch zum Grab von Ugur Yüksel, der in seinem Heimatort in der Nähe von Elazig, das etwa 100 km östliche von Malatya liegt, beerdigt worden war. Auch dort fand eine Gedenkfeier statt, getragen von viel Gebet und Gesang.

Christen in der Türkei

Nach Angaben von Silas Ministries habe sich die Zahl der einheimischen evangelischen Christen in den letzten zehn Jahren von 3.000 im Jahr 2007 auf heute ca. 6.000 in etwa verdoppelt. Die Zahl der evangelischen Gemeinden habe im gleichen Zeitraum von knapp einhundert auf aktuell ca. 150 zugenommen. Zugleich gäbe es immer noch in mehr als 30 von 81 Provinzen keinerlei Arbeit evangelischer Christen.

Neben den protestantischen Christen gibt es in der Türkei alles in allem etwa 120.000 Christen, wobei die Mehrheit der Armenisch-orthodoxen Kirche angehört. Damit stellen alle Christen ungefähr 0,15 Prozent der Bevölkerung.

Buchhinweise

  • J. Carswell, J. Wright. Susanne Geske: „Ich will keine Rache“ – Das Drama von Malatya. Brunnen-Verlag: Gießen, 2008. 144 Seiten
  • Wolfgang Häde. Mein Schwager – ein Märtyrer: Die Geschichte des türkischen Christen Necati Aydin. Neufeld-Verlag: Schwarzenfeld, 20102. 109 Seiten

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